Auf Kuschelkurs im Kriegsgebiet – Passauer Neue Presse über unsere Fortbildung in Altötting

Von Christoph Kleiner

Sie führen Blinde, warnen Epileptiker vor dem nächsten Schub und geben Trauma-Opfern Halt: Assistenzhunde erstaunen selbst Fachleute. So sehr, dass sich auch die Bundeswehr ihr Talent zunutze machen will.


Foto: Seit einem Jahr ist Hündin „Happy“ als Assistenzhund im Einsatz. Die Zweijährige hilft ihrem Frauchen bei dessen Gehbehinderung. Einen höheren Stellenwert hat sie deswegen im hauseigenen „Rudel“ nicht, für die Besitzerin aber ist klar: „Wenn es darum geht, welchem meiner Hunde ich am meisten zutraue, mir zu helfen, dann ist das ganz klar Happy.“

Am Hamburger Elbstrand war Bert Bohla mal wieder restlos begeistert: Eine Bekannte mit Diabetes Typ I hatte ihren Assistenzhund dabei, der geruchsstarke Vierbeiner warnt sie, wenn ihr Blutzuckerspiegel abrutscht.
„Plötzlich, die Hunde waren vielleicht 20 Meter entfernt am Spielen, kommt das Tier angelaufen und zeigt an“, erzählt Bohla. „Meine Bekannte hat sofort gemessen, der Zuckerwert war bei 120, normal also. ‚Der spinnt doch‘, hat sie gesagt und den Hund wieder weggeschickt. Etwa 20 Minuten später hat sie sicherheitshalber nochmal gemessen. Und siehe da, der Wert war runter auf 70. Der Hund hatte den rasanten Abfall des Blutzuckerspiegels gemerkt, über die ganze Entfernung hinweg.“

Körperkontakt, wenn die Erinnerung zurückkehrt

Geschichten wie diese kennt der Hanseat zur Genüge. Er wie auch seine Kollegen vom Verein Lichtblicke, die an diesem Tag im Altöttinger Caritas-Haus St. Elisabeth im Rahmen eines Seminars zusammensitzen und das Neueste in Sachen Assistenzhunde besprechen. Es geht um das Können und um Kosten, um Grundvoraussetzungen und die einzelnen Anwendungsgebiete. Vor allem aber geht es um einen Bereich, der selbst das Militär auf die Fähigkeit der Vierbeiner gebracht hat: die Behandlung von PTBS – Posttraumatische Belastungsstörungen.
Egal ob Gewaltopfer, Hinterbliebene bei tragischen Todesfällen oder Patienten nach einer an die Psyche gehenden Operation – in all diesen Bereichen kommen heutzutage Assistenzhunde zum Einsatz. Tiere, die nach langer Ausbildung auf die speziellen Bedürfnisse ihrer Besitzer eingehen.
Sei es beim Vergewaltigungsopfer der enge Körperkontakt, den der Hund herstellt, sobald er merkt, dass bei seinem Frauchen die Erinnerungen zurückkehren. Oder auch der Spieltrieb, der den lethargisch Zurückgezogenen aus seinem Abgeschottetsein herausholen soll.

Was im Zivilen längst umgesetzt wird, wird bei der Bundeswehr seit einigen Monaten auf Herz und Nieren geprüft. Die Militärs haben eine Studie in Auftrag gegeben, die zeigen soll, ob die hundegestützte Traumatherapie in ihren Reihen Sinn macht. Zwar geht es nicht um Assistenzhunde im engeren Sinn – die Soldaten bekämen kein eigenes Tier, sondern hätten nur während der Therapiezeiten Kontakt – doch der Behandlungsansatz ist ähnlich. Dass der Bedarf auf der Hand liegt, zeigt nicht nur die seit Beginn der Auslandseinsätze deutlich gestiegene Zahl an PTBS-Fällen, sondern auch die dem Projekt zugrunde liegenden Erfahrungen der Hundeführer. Mit ihren Tieren sind auch sie in Afghanistan, dem Kosovo oder sonst wo dabei. Die Hunde suchen nach Sprengstoff, erschnüffeln Minenfelder und springen, auf die Brust ihrer fallschirmbepackten „Herrchen“ vom „Kommando Spezialkräfte“ geschnallt, sogar aus Flugzeugen.
Eine Erfahrung, die Kommandeurin Dr. Christiane Ernst und ihre Kollegen von der Schule für Diensthundewesen der Bundeswehr gemacht haben: Je härter der Einsatz, umso umlagerter sind die Hundezwinger an den Auslandsstandorten.
Die Soldaten suchen die Nähe zu den Tieren. Zum Stressabbau und Kuscheln.
So kam die Idee auf, einen neuen Behandlungsansatz zu prüfen. Die Rückmeldungen der Studienprobanden sind positiv, die genaue Auswertung dauert noch an.
Bei Bert Bohla und seinen Vereinskollegen braucht es längst keine Studie mehr, um von den segensreichen Auswirkungen der Tiere auch in der Traumatherapie überzeugt zu sein. Die Hunde geben den Betroffenen weit mehr als nur Wärme und Zuneigung. Sie vermitteln neues Vertrauen, ein Gefühl des Gebrauchtwerdens, ohne dass Forderungen gestellt werden. Sie steigern das Selbstwertgefühl und reduzieren den Stressspiegel. So haben Untersuchungen gezeigt, dass das Oxytocinsystem angeregt wird. Das sogenannte Kuschelhormon wird häufig als Faktor bei Zuständen wie Liebe und Vertrauen genannt und spielt beispielsweise beim Geburtsvorgang und beim Stillen eine große Rolle.

„Hund kann Therapie ergänzen, nicht ersetzen“

Völlig frei von Risiken und Nebenwirkungen aber sind die tiergestützte Therapie und auch der Einsatz von Assistenzhunden nicht. Sowohl Bert Bohla als auch seine Stellvertreterin Gloria Petrovics warnen eindringlich davor, die Tiere als heilenden Selbstläufer zu sehen. „Ein Hund kann eine Therapie wundervoll ergänzen, aber niemals ersetzen“, sagt auch Bundeswehr-Tierärztin Dr. Christiane Ernst. Für Petrovics ist ein Dreiklang zwischen Betroffenem, Hund und Therapeut zentral. Fatal sei es, wenn sich Betroffene im Vertrauen auf die Fähigkeiten ihres Tieres von allen anderen Behandlungsansätzen zurückziehen. „Dann richtet der Hund mehr Schaden an“, sagt sie.
Dabei müssen Betroffene erst einmal an einen geeigneten Hund rankommen – ein zumindest in Deutschland schwieriges Unterfangen. Im Gesetz gibt es den Begriff Assistenzhund bislang nicht. So kann jeder hergehen, Tiere „ausbilden“ und sie für viel Geld verkaufen. Windige Geschäftemacher gebe es zuhauf, sagt Gloria Petrovics, die regelmäßig mit Menschen zu tun hat, denen für Zehntausende Euro völlig ungeeignete Tiere angedreht wurden.
Gerade beim neuesten „Trend“ – Assistenzhunde zur PTBS-Behandlung – sieht die Österreicherin ein großes Problem: „Die Gefahr ist groß, dass die Betroffenen in psychosoziale Abhängigkeiten gedrängt werden.“ Anstatt dass die Hunde ihren kranken Besitzern helfen, werden sie selbst zu Hilfsbedürftigen, die ihren Frauchen und Herrchen Arbeit und zusätzlichen Kummer bescheren.
In Österreich sieht die Situation ganz anders aus: Nach jahrzehntelangem Kampf haben Gloria Petrovics und ihre Mitstreiter durchgesetzt, dass der Staat den Assistenzhund klar definiert. Die Ausbildung unterliegt genauen Regeln – strengen Regeln. So müssen die Hunde in Topform sein, alleine schon aus tierschutzrechtlichen Gründen, schließlich werden die Vierbeiner zum Arbeiten eingesetzt. Hinzu kommt, dass ein von Leid geplagter Hund anders reagiert, mitunter mit Abwehrverhalten oder Knurren gegenüber Dritten. Das aber wäre fatal für den Ruf der Assistenzhunde. So hat der Staat einen wachsamen Blick auf die Ausbildung, auch wenn das bedeutet, dass die Ausbilder erst nach etwa einem Jahr, wenn das Tier ausgewachsen ist, Bescheid wissen, ob es die Assistenzhundeprüfung schaffen kann oder etwa eine Hüftfehlstellung dafür sorgt, dass das ganze Training umsonst war.

In Supermärkten und Kliniken oft unerwünscht

Regelungen wie in Österreich auch hierzulande einzuführen, das ist der wesentliche Antrieb für Gloria Petrovics und Bert Bohla, sich beim etwa 160 Mitglieder zählenden Verein „Lichtblicke e.V. – Verein zur Förderung des Assistenzhundewesens“ einzusetzen und Druck auf die Ministerien auszuüben.
„Wir wollen, dass der Assistenzhund definiert und eine zentrale, staatliche Prüfstelle geschaffen wird“, sagt Petrovics. Sie will nicht nochmal wie in Österreich Jahrzehnte verstreichen sehen, ehe was passiert.
Wohin die fehlenden Regelungen führen, bekommen die Altöttinger Seminarteilnehmer im örtlichen Rewe-Supermarkt zu spüren. Aus Hygienegründen wird einer von ihnen der Zutritt mit Hund zunächst verwehrt
– und das, obwohl Bert Bohla und seine Mitstreiter schon vor Jahren mit der Konzernleitung eine Übereinkunft in Sachen Assistenzhunde getroffen haben.
Vorfälle wie diese sind die Hundebesitzer schon gewohnt. „Das ist Alltag“, winkt Bert Bohla ab.
Zu Lebensmittelgeschäften gesellen sich vor allem Kliniken. Dabei sind viele der Betroffenen auf die ständige Hilfe ihrer Tiere angewiesen – und das nicht nur im Fall von Blindheit oder Sehstörungen. Weder Diabetiker und Epilepsiekranke noch Traumapatienten können wissen, wann der nächste Schub, das nächste Problem auftritt. „Was hilft es, einen Assistenzhund zu haben, wenn er im Fall der Fälle draußen angeleint ist“, gibt Bohla zu Bedenken.

Die Leseprobe bei der PNP: Auf Kuschelkurs im Kriegsgebiet

Der ganze Artikel als PDF: Auf Kuschelkurs im Kriegsgebiet

Name: ckl assistenzhund 1 – Ausgabe: rt – Ressort: pol3
Thema: Unbenannt – Autor: ckleiner – Ausgedruckt von: ckleiner
Erscheint: 09.09.2017 – Ausdruck: 10.09.2017 17:22:13